16. Januar 2012 | Von Elfriede Schmidt

Flatternde Hände und stampfende Füße

Ensemblemitglied Rainer Hawelka und Silke Beck. Foto: Dennis Möbus

Studiobühne – Die Rüsselsheimer  Tänzerin 

Silke Beck zeigt mit „Compania Flamenco Solera“ mitreißenden Flamenco

 

Keine Zärtlichkeit, kein liebevolles Streicheln – 

der Flamenco bringt oft Kampf, Attacke und Selbstbehauptung zum Ausdruck. Silke Beck zeigte am Samstag den ernsten Charakter des Tanzes


 Die Flamenco-Tänzerin Silke Beck ist mit ihrer Gruppe, die aus den Mitgliedern Ardillita (Gesang und Percussion), Rainer Hawelka (Gitarre), Funda Dastan (Querflöte)und Sandro Motero (Tanz) besteht meist das ganze Jahr über auf Touren. Somit war es ein eher seltenes Heimspiel der Rüssels-heimerin, als sie gemeinsam mit dem Tänzer Sandro Montero am Samstag auf der Studiobühne bei einer von der örtlichen Theatergruppe sechzig90 organisierten Sonderveranstaltung auftrat. 

 

Melancholie, Liebe, Freude, Leid, Trauer, Klage und Tod sind zumeist die Themendes kehligen Flamenco-Gesangs, den diese Gruppe spannungsreich und mitreißend praktiziert. Bereits nach wenigen Tanzschritten wurde deutlich, dass sie keine frivole Show und auch keinen Kitsch bot, sondern wahrhaftige und tiefernste Flamencokunst zeigte. 

Mit zwei traditionellen Palos und mächtigen Hammerschlägen erfolgte zunächstder Einstieg, den Ardillita mit dem „Cante“ (Gesang) und den die energetisch-virtuose Silke Beck und der geschmeidig-eindrucksvolle Sandro Montero stampfend und mit großer Sensibilität und Ausdruckskraft zelebrierten. 
Der Flamenco, der mit den Gitanos und dem fahrenden Volk Ende des 15. Jahrhunderts über Pakistan, Indien und Ägypten nach Spanien kam und im Süden der iberischen Insel heimisch wurde, ist heutzutage vor allem auf Andalusien konzentriert, weil in dieser spezifischen Atmosphäre die beredten Texte und anfeuernden Zurufe angeblich sogleich verstanden werden. Wobei die Akteure dentraditionellen „Cante“ und Gitarristen und Tänzer auch ihre Persönlichkeitstets zum Ausdruck bringen. In den Anfangsjahren war 

der Flamenco allein den Männern vorbehalten, weshalb wohl auch die legendäre Tänzerin 

„La Singla“ einstmals ausschließlich im schwarzen Anzug durch die Welt tourte. Spontaneitätund das Unmittelbare, Nichtvorhersehbare sind charakteristisch für denFlamenco, zu dessen weltweiter Popularität auch der berühmte „Carmen“ Film vonCarlos Saura mit der Choreografie von Antonio Gades beitrug.
Die Compania Flamenco Solera zelebriert den Flamenco erfrischend frei vonjeglicher Attitude und zeigt ihn mit allen Facetten seiner faszinierendenGestik und Tanzsprache. Gesang, Texte und Musik sind bei diesem Tanzgleichwertig. Mit flatternden Händen und stampfenden Füßen, mit Klopfen, Singenund Instrumenten und der Cajun, einem Kastenhocker, den Ardillita auch alsTrommel nutzt, werden Rhythmen und Atmosphäre spontan gemeinsam erarbeitet. 
Silke Beck, die demonstrierte, dass diese ganz besondere Spielart des Tanzes schweiß-treibende Schwerarbeit ist, wechselte im Verlauf des Abends mehrmals das Kostüm, trat zunächst im bodenlangen roten Tanzkleid, danach in strengem Schwarzweiß und zuletzt im Hosenanzug auf. Charakteristisch ist das virtuoseSpiel der Hände, die bis in die Fingerspitzen mitbeteiligt sind.
 

Schwermütige Melodik und Texte, disziplinierte Energie und vielerleiVolksmusikeinflüsse, vor allem aus Balkan und Orient, fließen auch bei der CompaniaFlamenco Solera in dieses Programm ein. Naturgemäß sind auch Tanzformen wieTango und Rumba integriert. Blitzschnell erfolgten die leidenschaftlichen undvirtuosen Tanz-Attacken, bei deren über- schäumendem Finale sich Silke Beck undSandro Montero häufig am Ende kämpferisch und Auge in Auge gegenüberstanden.Keine Zärtlichkeit, kein liebevolles Streicheln oder Verliebtsein – der Charakter des Flamenco steht vielmehr auf Kampf, Attacke und Selbstbehauptung.

 Die Flötistin Funda Dastan brachte bei den „Tarantos“ und im Zusammenspiel mit dem brillanten Gitarristen Rainer Hawelka ganz besondere Farben mit ins Spiel. Das Publikum, das sich häufig mit spontanem Szenenapplaus bedankte, entließ die Akteure nach zweieinhalb faszinierenden Stunden erst nach minutenlangem Schlussbeifall von der Bühne, die mit wechselnd farbiger Ausleuchtung maßgeblich zum Erfolg dieses denkwürdigen Tanzabends beitrug.